Wounded Knee ist weit mehr als ein Schauplatz aus der Geschichte der Vereinigten Staaten. Für die Lakota ist der Ort auf der Pine Ridge Reservation eine heilige Stätte, ein Familiengrab und ein lebendiger Erinnerungsort. Zugleich steht der Name Wounded Knee für den Widerstand indigener Menschen gegen Entrechtung, Landverlust und die Missachtung ihrer Verträge. Die Bedeutung des Ortes reicht deshalb von den Ereignissen des Jahres 1890 bis in die politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart.
Das Massaker vom 29. Dezember 1890
Am 29. Dezember 1890 umstellten Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments am Wounded Knee Creek eine Gruppe von Lakota unter der Führung von Spotted Elk, der in englischsprachigen Quellen auch Big Foot genannt wird. Die Menschen sollten entwaffnet werden. Im Verlauf der Aktion eröffneten die Soldaten das Feuer. Mehrere Hundert Lakota wurden getötet oder verwundet, darunter zahlreiche Frauen, Kinder und ältere Menschen.
Lange bezeichneten amerikanische Darstellungen das Geschehen als «Battle of Wounded Knee». Heute sprechen auch staatliche Einrichtungen und wissenschaftliche Darstellungen überwiegend vom Massaker von Wounded Knee. Diese veränderte Bezeichnung ist bedeutsam. Sie macht deutlich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche militärische Auseinandersetzung zwischen annähernd gleich starken Gegnern handelte.
Das Massaker ereignete sich in einer Zeit, in der die US-Regierung die Lebensgrundlagen der Lakota bereits weitgehend zerstört hatte. Ihre Gebiete waren verkleinert, die Büffelherden vernichtet und viele Menschen von staatlichen Lebensmittelzuteilungen abhängig gemacht worden. Gleichzeitig betrachteten Regierungsvertreter die religiöse Bewegung des Ghost Dance als Gefahr. Das Massaker von Wounded Knee wurde zu einem Symbol für die gewaltsame Unterdrückung indigener Religion, Kultur und Selbstbestimmung.
Wounded Knee und der Widerstand von 1973
Der Name Wounded Knee erhielt 1973 eine weitere politische Bedeutung. Am 27. Februar besetzten Oglala Lakota und Mitglieder des American Indian Movement, kurz AIM, die kleine Ortschaft. Sie protestierten gegen Missstände innerhalb der damaligen Stammesverwaltung, gegen Gewalt und Rassismus sowie gegen die fortdauernde Missachtung der zwischen den Lakota und den Vereinigten Staaten geschlossenen Verträge.
Die Besetzung dauerte 71 Tage. Das Gebiet wurde von Bundesbehörden und bewaffneten Sicherheitskräften abgeriegelt. Es kam wiederholt zu Schusswechseln, bei denen Menschen getötet und verletzt wurden. Das National Museum of the American Indian bewahrt zahlreiche Fotografien und Dokumente dieser Ereignisse auf.
Die Besetzung von 1973 erreichte keineswegs alle ihre unmittelbaren politischen Ziele. Dennoch veränderte sie die öffentliche Wahrnehmung indigener Anliegen. Wounded Knee wurde zu einem international bekannten Zeichen für die Forderung nach Souveränität, kultureller Erneuerung und Einhaltung der Verträge. Spätere indigene Bewegungen, darunter die Proteste gegen die Dakota Access Pipeline bei Standing Rock, knüpften ausdrücklich an diese Tradition an.
Ein heiliger Ort unter indigener Kontrolle
Über Jahrzehnte befanden sich wichtige Teile des historischen Schauplatzes in privatem Besitz. Im Jahr 2022 kauften die Oglala Sioux Tribe und die Cheyenne River Sioux Tribe gemeinsam rund 40 Acres, ungefähr 16 Hektaren, des Geländes. Dazu gehören Bereiche, in denen sich ein wesentlicher Teil des Massakers ereignete. Beide Stämme verpflichteten sich, das Land dauerhaft als heilige Stätte und Gedenkort zu bewahren und jede kommerzielle Nutzung auszuschliessen.
Im Dezember 2025 trat der Wounded Knee Massacre Memorial and Sacred Site Act als Bundesgesetz in Kraft. Das Gesetz verpflichtet das US-Innenministerium, die nötigen Schritte einzuleiten, damit das Gelände rechtlich besonders geschützt und dauerhaft im gemeinsamen Eigentum der beiden Stämme bleibt. Kommerzielle Bebauung und Glücksspiel sind ausdrücklich ausgeschlossen.
Dieser Vorgang ist mehr als eine Änderung im Grundbuch. Er bedeutet, dass die Nachfahren der Betroffenen stärker darüber bestimmen können, wie an diesem Ort erinnert wird. Wounded Knee wird damit nicht nur Gegenstand amerikanischer Nationalgeschichte, sondern vor allem wieder ein von Lakota-Gemeinschaften geschützter heiliger Ort.
Eine bis heute umstrittene Erinnerung
Die Auseinandersetzung über Wounded Knee ist noch nicht abgeschlossen. Nach dem Massaker erhielten etwa zwanzig beteiligte Soldaten die Medal of Honor, die höchste militärische Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Das US-Verteidigungsministerium leitete 2024 eine Überprüfung dieser Auszeichnungen ein. Im September 2025 entschied Verteidigungsminister Pete Hegseth jedoch, dass die Medaillen nicht aberkannt werden. Vertreter der Lakota und Nachfahren der Opfer kritisierten diese Entscheidung scharf.
Die Debatte zeigt, wie unterschiedlich Geschichte erinnert werden kann. Während das Geschehen in älteren militärischen Darstellungen als Kampf oder Schlacht erschien, sehen die Nachfahren der Opfer in den Auszeichnungen eine bis heute fortwirkende Ehrung der Täter. Die Frage, wer Geschichte benennt und deutet, ist deshalb selbst ein Teil der Bedeutung von Wounded Knee.
Erinnerung als lebendige Verantwortung
Jedes Jahr finden Gedenkveranstaltungen, Gebete und Ritte statt. Lakota-Reiter erinnern dabei an den letzten Weg von Spotted Elk und seiner Gruppe durch die winterlichen Badlands bis nach Wounded Knee. Der National Park Service dokumentiert diesen jährlichen Gedenkritt als Ausdruck einer bis heute lebendigen Erinnerungskultur.
Wounded Knee steht heute deshalb nicht allein für Tod und Niederlage. Der Ort erinnert ebenso an das Überleben der Lakota, an die Weitergabe ihrer Sprache und Traditionen und an ihren Anspruch, über ihr Land und ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Wer sich mit Wounded Knee beschäftigt, blickt nicht nur zurück. Er begegnet einer Geschichte, deren Folgen bis heute sichtbar sind und deren politische und moralische Fragen noch immer nicht vollständig beantwortet wurden.
