Feiern die Indigenen 250 Jahre USA?

Anishinaabe (Chippewa/Ojibwa) - Quilt

Am 4. Juli 2026 feiern die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung. Für viele Amerikanerinnen und Amerikaner ist das ein Anlass für Feuerwerk, Flaggen, Musik und nationale Selbstvergewisserung. Für die Indigenen Nordamerikas ist dieses Jubiläum viel komplizierter.

Denn 1776 begann nicht die Geschichte dieses Landes. Auf dem Gebiet der heutigen USA lebten seit Jahrtausenden zahlreiche souveräne Völker mit eigenen Sprachen, politischen Ordnungen, Handelsnetzen, religiösen Traditionen und Rechtsvorstellungen. Die Gründung der Vereinigten Staaten war für sie deshalb nicht einfach ein Freiheitsversprechen, sondern auch der Beginn einer neuen Phase von Landverlust, Vertragsbrüchen, Vertreibung, Gewalt und erzwungener Anpassung.

The Declaration of Independence
The Declaration of Independence

Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 steht für Freiheit und Selbstbestimmung. Für die Indigenen Nordamerikas stellte sich jedoch von Anfang an die Frage, wessen Freiheit gemeint war.

Die Frage „Feiern die Indigenen 250 Jahre USA?“ lässt sich daher nicht mit Ja oder Nein beantworten. Manche nehmen an offiziellen Gedenkveranstaltungen teil. Andere nutzen das Jubiläum, um sichtbar zu machen, was in der nationalen Festgeschichte oft verdrängt wurde. Wieder andere begegnen dem Anlass mit Trauer, Skepsis oder Ablehnung. Entscheidend ist: Es gibt nicht „die“ indigene Reaktion. Es gibt viele Native Nations, viele politische Erfahrungen und viele Stimmen.

In den offiziellen Programmen zum Jubiläum wird versucht, indigene Perspektiven einzubeziehen. Die nationale America250-Kommission erklärte bereits, dass sie die Geschichte der American Indians würdigen und zugleich die brutalen Folgen ihrer Behandlung in der US-Geschichte nicht ausblenden wolle. Auch das Smithsonian hat für 2026 ein breites Programm angekündigt, das nicht nur Erfolge der Nation feiern, sondern auch die Folgen der Geschichte bedenken soll.

Gleichzeitig entstanden eigene indigene Initiativen. Native News Online startete 2026 die Reihe „America 250: A Republic Built on Native Land“. Schon der Titel macht klar, worum es geht: Die Geschichte der Republik soll nicht nur aus der Sicht der Gründer erzählt werden, sondern auch von dem Land aus, auf dem diese Republik entstand. Ähnlich will das Projekt «Indigenous America 250» indigene Perspektiven auf das Jubiläum sammeln und zugänglich machen.

Für viele indigene Stimmen steht deshalb nicht die Feier im Vordergrund, sondern die Wahrheit. Was bedeutet Unabhängigkeit, wenn sie auf Kosten anderer Souveränitäten entstand? Was bedeutet Freiheit, wenn Verträge gebrochen, Kinder ihren Familien entrissen und ganze Gemeinschaften von ihrem Land verdrängt wurden? Und was bedeutet ein nationales Jubiläum, wenn indigene Nationen bis heute um Landrechte, kulturelle Selbstbestimmung, Sprachen, heilige Orte und politische Anerkennung kämpfen?

Anishinaabe (Chippewa/Ojibwa) - Quilt
Anishinaabe (Chippewa/Ojibwa) – Quilt

Ein Quilt als Gegenbild zur offiziellen Nationalgeschichte: viele einzelne Stimmen, viele Traditionen, eine gemeinsame Sichtbarkeit.

Ein besonders wichtiger Begriff ist dabei «Souveränität». Viele indigene Nationen verstehen sich nicht einfach als ethnische Minderheiten innerhalb der USA, sondern als Völker mit eigenen politischen Rechten. Diese Rechte beruhen unter anderem auf Verträgen. Die National Archives verweisen darauf, dass die USA zwischen 1789 und 1869 zahlreiche Verträge mit American Indian tribes abschlossen; 1871 beendete der Kongress dann die Praxis, einzelne Stämme als unabhängige Vertragspartner zu behandeln. ([National Archives][7]) Gerade deshalb ist das Jubiläum von 2026 auch eine Erinnerung daran, dass die Geschichte der USA eine Geschichte von Verfassungen und Freiheitsversprechen ist, aber ebenso eine Geschichte von Verträgen, gebrochenen Zusagen und fortgesetztem Widerstand.

Vielleicht ist die bessere Frage also nicht: Feiern die Indigenen 250 Jahre USA? Sondern: Hören die USA den Indigenen zu, wenn sie diese 250 Jahre deuten?

Wer genau hinhört, erkennt: Viele indigene Stimmen verweigern nicht die Gegenwart. Sie bestehen darauf, dass die Vergangenheit vollständig erzählt wird. Sie erinnern daran, dass dieses Land nicht leer war, als 1776 eine neue Republik ausgerufen wurde. Und sie zeigen, dass indigene Geschichte nicht nur Verlustgeschichte ist. Sie ist auch eine Geschichte von Überleben, Anpassung, Beharrlichkeit, Kunst, politischem Kampf und kultureller Erneuerung.

So gesehen kann das Jubiläum von 2026 mehr sein als eine nationale Geburtstagsfeier. Es kann ein Moment der Korrektur sein. Nicht alle werden feiern. Aber viele werden sprechen. Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Bedeutung dieses Jahrestages.

prairie wind – Native American arts & crafts

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